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Eisenhüttenstadt

Die Geschichte von Eisenhüttenstadt beginnt am 18. August 1950. An diesem Tag gibt DDR-Industrieminister Fritz Selbmann in einem Wald beim Kleinstädtchen Fürstenberg (Oder) mit symbolischen Axthieben den Auftakt für das größte Stahlwerk der DDR: das Eisenhüttenkombinat Ost (EKO). Es ist ein gewaltiges Projekt, mit dem der junge sozialistische Staat die Grundlage für den Aufbau einer eigenständigen Industrie schaffen will. Nach wenigen Jahren arbeiten bereits Tausende von Menschen im neuen Werk. Und diese müssen irgendwo wohnen. Deshalb entsteht eine Siedlung, die 1953 auf den Namen Stalinstadt getauft und 1961 in Eisenhüttenstadt umbenannt wird. Chefarchitekt Kurt W. Leucht entwirft eine Stadtstruktur, die sich an den 1950 von der DDR-Regierung beschlossenen „16 Grundsätzen des Städtebaus“ orientiert. Grundlage sind dabei Wohnkomplexe, die alle gesellschaftlichen Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten und Geschäfte aufweisen. Ähnliche Neustädte in der Nähe industrieller Zentren entstehen in der DDR auch in Schwedt, Halle-Neustadt und Hoyerswerda. Doch Eisenhüttenstadt ist einzigartig: Hier handelt es sich nicht um die Erweiterung einer bestehenden Stadt, sondern um eine komplette Neugründung Das historische Städtchen Fürstenberg gehört zwar zu Eisenhüttenstadt, ist aber mehrere Kilometer entfernt.So bietet Eisenhüttenstadt heute die einmalige Gelegenheit, die unterschiedlichen Epochen der frühen DDR-Stadtplanung auf einem Spaziergang kennenzulernen. Am besten beginnt man in der Lindenallee, die als Magistrale angelegt wurde und zum Hochofen des Stahlwerks führt. Hier steht das Friedrich-Wolf-Theater, das für eine Stadt, die ursprünglich für 30000 Menschen geplant war, sehr repräsentativ wirkt. Über die Rosa-Luxemburg-Straße gelangt man dann in den ältesten Teil der Stadt, den Wohnkomplex (WK) I. Hier sind die Häuser ausgesprochen schlicht gehalten, was beim SED-Chef Walter Ulbricht auf Kritik stieß. Wesentlich repräsentativer wirkt denn auch der südlich angrenzende WK II um Erich-Weinert-Allee und Friedrich-Engels-Straße. Die klassizistischen Fassaden sind von der sowjetischen Prunkarchitektur beeinflusst und erinnern ein wenig an die Berliner Karl-Marx-Allee.

Über die Saarlouiser Straße gelangt man in den WK III. „Hier wurde die kleine deutsche Stadt mit Erkern, Tordurchgängen und Walmdächern thematisiert“, liest man in einem informativen Faltblatt des örtlichen Tourismusvereins. Westlich der im Stil der internationalen Moderne gehaltenen Lindenallee schließlich erstreckt sich der WK IV, der als letzter der zentralen Bereiche fertiggestellt wurde.

Zu Ende war das Wachstum der Stadt damit freilich nicht. Um der immer zahlreicheren Bevölkerung eine Heimstatt zu bieten, entstanden drei weitere, von Plattenbauten geprägte Wohnkomplexe. 1988 lebten 53000 Menschen in Eisenhüttenstadt. Heute gibt es nur noch 30000 Einwohner – einen so brutalen Einwohnerrückgang nach der Wende hatte kaum eine andere ostdeutsche Stadt zu verkraften. Der Grund dafür liegt in der Abhängigkeit vom Stahlwerk, das nach der Wende massiv Personal abbaute. Immerhin gelang es, die Existenz des Werks zu sichern; nach mehreren Eigentümerwechseln gehört es heute zum Konzern von ArcelorMittal. Der Bevölkerungsrückgang führte zu Problemen, mit denen viele Städte in den neuen Bundesländern zu kämpfen haben: Wohnungsleerstand, fehlende Investitionen, Perspektivlosigkeit. Die Stadt reagierte, indem sie im Rahmen des Programms Stadtumbau Ost mehrere Tausend Wohnungen (einen Großteil davon im WK VII) abreißen ließ. Damit zieht sich die Stadt zurück auf den Kern der vier historischen Wohnkomplexe. Noch sind dort nicht alle Gebäude saniert; für das ehemalige Hotel Lunik etwa, das gegenüber dem Rathaus in der Lindenallee liegt, fand sich bis heute keine neue Nutzung.

Für einen anderen städtebaulichen Problemfall hingegen ergab sich eine Lösung: für die ehemalige Großgaststätte Aktivist in der Karl-Marx-Straße, die einst 600 Gästen Platz bot, doch schon kurz nach der Wende geschlossen wurde. Fünf Millionen Euro inves­tierte die örtliche Wohnungsbaugenossenschaft in die denkmalgerechte Sanierung des Gebäudes. Heute ist darin der Sitz der Genossenschaft untergebracht – eine beeindruckende Leistung, für die Verena Rühr-Bach, die Vorstandsvorsitzende der Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft, 2011 mit der Silbernen Halbkugel des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz ausgezeichnet wurde. Eine weitere Sehenswürdigkeit sollte man beim Besuch von Eisenhüttenstadt nicht auslassen: das Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, das sich in einer ehemaligen Kindertagesstätte in der Erich-Weinert-Allee befindet. Mit einer Dauerausstellung sowie wechselnden Sonderausstellungen informiert es über alltägliche Aspekte des Lebens in der DDR. Seine langfristige Finanzierung ist allerdings unsicher; immerhin hat die Stadt jetzt die Trägerschaft für das Dokumentationszentrum übernommen, womit dessen Existenz bis auf Weiteres gesichert ist.

Aufmerksamkeit erregt Eisenhüttenstadt sogar international. Hollywood-Star Tom Hanks jedenfalls, der die sozialistische Planstadt kürzlich besuchte, hat sich mit einem gewagten Vergleich beeindruckt gezeigt: Eisenhüttenstadt erinnere ihn an Disneyland, sagte er in einem Interview mit der Zeitschrift Neon – „jedes Detail dort ist extrem gut überlegt“.